Schutzengel mit 7-Tage-Woche …

Sonntagsausflug

Auf dem Sommerfest unseres Kindergartens hatten wir einen Brunchgutschein für das Mercure-Hotel an der Karl-Wiechert-Allee in Hannover gewonnen. Damit begann unser Ausflugssonntag am vergangenen Wochenende. Allerdings wichen die Vorstellungen, wie der Tag insgesamt zu gestalten wäre, unter den 4 Mitgliedern der Frühstücksgruppe doch stark voneinander ab. Er hatte noch nicht ganz die Augen aufgeklappt, da fragte der Erstgeborene, ob er vor dem Start zum Hotel noch Kastanien sammeln gehen könne. Er würde sich auch vorher anziehen, lautete sein Lockangebot an mich. Ich dachte kurz: Immerhin müssten wir ihn auf diese Weise nicht im Schlafanzug mitnehmen. Dann lehnte ich trotzdem ab, da ich keine Lust hatte, schon vor dem Frühstück Teile der Familie im Stadtviertel zusammen suchen zu müssen. Erstes zartes Gemaule war das Ergebnis, was wir aber kurze Zeit später ohnehin nicht mehr hören konnten.

Immerhin gut 15 Minuten Geschrei war dem Nestzwerg mein Versuch wert, ihr beim Anziehen zu helfen, ohne mich vorher eingehend und nachdrücklich (also mindestens dreimal) erkundigt zu haben, ob diese Hilfe auch erwünscht sei. Fest entschlossen, mir die Laune nicht verderben zu lassen, föhnte ich gegen das Geschrei an. Die Männer hatten die Etage derweil wegen zu großer Lärmbelastung geräumt. Wir gingen also frühstücken und es war lecker und reichhaltig und insgesamt deutlich harmonischer, als der Tagesstart hätte erwarten lassen. Stellte sich im Anschluss nun die Frage, was anfangen mit dem Rest dieses wunderbaren Sonntags. Vorschlag des Erstgeborenen: „Kastanien sammeln.“

Nun muss ich an dieser Stelle doch mal erwähnen, dass es nicht so ist, dass er nie Sammeln gehen darf. Vielmehr beherbergen bereits sämtliche geeignete und auch nicht so geeignete Gefäße in Gartenhaus, Garage und Geräteschuppen Eicheln, Bucheckern, Herbstlaub gefärbt und ungefärbt und natürlich Kastanien in großen Mengen. Eine mittlere Wildschweinrotte sollte damit komfortabel durch den Winter kommen. Sollten Tierparks in der Region Hannover im Winter Futterengpässe zu beklagen haben, scheuen Sie sich bitte nicht, Kontakt zu uns herzustellen. Sollte ich nämlich am Ende des Herbstes versuchen, die gesammelten Früchte bei einem Wertstoffhof loszuwerden, muss ich vermutlich dafür bezahlen, weil man mich für einen gewerbsmäßigen Entsorger halten wird. Aber das nur am Rande.

Der  Gegenvorschlag kam vom Nestzwerg. Der hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, auf dem Maschsee Boot zu fahren. Erstgeborener teilte uns gnädig mit, dass er dazu ja überhaupt keine Lust hätte, aber trotzdem mitkäme. Na wunderbar. Also fuhren wir mit den Rädern Richtung Maschsee und strandeten hinterm Rathaus auf einem Spielplatz. Nicht weit vom Spielplatz entfernt stand eine große Kastanie, die unermüdlich ihre Früchte auf den Weg streute. Wir stopften uns die Taschen voll, bis sie nicht mehr zugingen.

Das fröhliche Sammeln fand ein jähes Ende, als der Erstgeborene einen Schrei ausstieß, der mir Blut und Atem stocken ließ, weil ich fest davon überzeugt war, ein Krokodil oder ähnliches hätte ihm mindestens einen Körperteil weggerissen. Ich kann Entwarnung geben. Er war lediglich mit seinem Schuh im brackigen Wasser des Maschteichs gelandet, bei dem Versuch eine Kastanie aus dem Wasser zu angeln. Schuh, Socke und Teile des Hosenbeins waren nun triefend nass und stanken zum Himmel. Das Ende des Ausflugs schien greifbar. Ich hätte es nicht aussprechen sollen, denn sofort gab es erbitterten Protest. Jemand wollte unbedingt Boot fahren. Hannover und die ganze Welt durften das ruhig wissen und bekamen es lautstark und vehement mitgeteilt. Also wurde die Hose aufgekrempelt, die stinkende Socke durch meinen Regenschutz des Sattels ersetzt und mit dem nassen Schuh am Fuß gesichert. Ein Eis lenkte von all diesen Unannehmlichkeiten hinreichend ab und wir machten die geplante Rundtour über den See.

Nach dem Verlassen des Bootes, dem Vorlesen der Namen von gefühlt einer Million Vorhängeschlösser am Geländer und dem vergeblichen Versuch einen Gaukler, um seine hart erarbeiteten Einnahmen zu bringen traten wir den Rückweg an. Auf diesem startete der Erstgeborene ein Experiment: Bewegen sich Straßenschilder, wenn man in hohem Tempo mit dem Fahrrad gegen sie fährt? Liebe Leser, wie die meisten von uns sicher bereits vorher geahnt haben, lautet die Antwort: Nein, sie bewegen sich nicht. Ganz anders hingegen  verhalten sich die Teile des Fahrrades, die vom Aufprall betroffen sind. Sie geben nach unter der rohen Gewalt, die sie da so unvermittelt heftig trifft. Glücklicherweise waren keine Teile des Fahrers betroffen. Die Anfrage, ob dieser dann nach dem Eintreffen vor der heimischen Garage noch Kastanien sammeln gehen dürfe, habe ich abgelehnt mit der Begründung, dass sein Schutzengel vermutlich bereits ermattet ins Bett gesunken sein dürfte …

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