Ich mach auf…

ist ein energischer Appell an alle Familienmitglieder, die sich im Moment eines Klingelns an unserer Eingangstür zuhause aufhalten. In der Regel hektisch und für alle Mitbewohner gut hörbar vorgetragen vom Nestzwerg, in unmittelbarer zeitlichen Nähe zum jeweiligen Läuten. Und dann wird es spannend. Alle die den Ausruf vernommen haben, drücken jetzt fest die Daumen, dass es nicht einen im Haushalt gibt, der ihn womöglich überhört hat.

BirkenwaldDas Privileg des Haustüröffnens fällt ganz klar und ausnahmslos in den Zuständigkeitsbereich des Nestzwergs. Bei Nichtbeachtung des ungeschriebenen Gesetzes durch Ahnungslose, Abgelenkte oder Ignoranten wird es außerordentlich schnell extrem laut im Haus, was die Kommunikation mit anderen, selbst wenn sie vor dem Haus stehen, sehr mühsam macht.

Dann kann schon mal ein Weilchen vergehen zwischen dem Drücken des Klingelknopfs und dem Öffnen der Tür. Nicht immer ist unser jüngstes Familienmitglied bereit, unmittelbar nach dem Absetzen des Appells, den Worten Taten folgen zu lassen und an die Tür zu eilen. Da müssen eventuell erstmal ein paar Kronkorken sortiert und durchgezählt, ein paar nackte Körperteile bedeckt – womöglich vorher abgetrocknet – oder ein Joghurt aufgegessen werden. Ich habe schon mal kurz darüber nachgedacht, eine Sitzgelegenheit und kleine Erfrischungen im Bereich der Haustür zu platzieren.

Freunde des Erstgeborenen, weitere Familienmitglieder und die Nachbarn kennen das und wissen damit umzugehen. Jetzt wo die Tage wieder kühler werden, klingelt man eben mit Jacke, auch wenn man nur mal kurz was fragen will, da man ja im Vorfeld nicht abschätzen kann, wie lange „mal kurz“ werden wird. Paketboten, Werbetreibende und Verwandte, die nur selten kommen, sind da weniger gut vorbereitet und auch deutlich weniger tolerant. Zeit ist Geld – der durchschnittliche Paketbote weilt höchstens 30 Sekunden auf dem Abtreter bis er hektisch noch mal klingelt oder gleich eine Karte mit einer Nachricht über sein vergebliches Klingeln hinterlässt. Was mich dann mindestens 30 Minuten bei der Postfiliale kostet, auf der ich mein Paket dann abholen muss.

Drinnen spielen sich also folgende Szenarien ab: Es klingelt, ich werfe schon mal vorsorglich einen Blick aus dem Fenster, um abzuwägen, um welche Art von Besucher es sich handelt.

Ich stelle fest, es ist ein Paketbote. Variante A: Der Nestzwerg hält sich in meiner unmittelbaren Nähe auf. Ich scheuche ihn zur Tür, möglichst laut, damit der Mensch auf dem Abtreter schon mal weiß, es ist jemand zuhause. Variante B: Ich vernehme „Ich mach auf…“ aus weiter Ferne. Ich eile zur Tür, kläre alles Notwendige solange Verständigung noch möglich ist (unterschreiben kann ich auch bei extremer Lärmbelastung aus dem Off) und ignoriere den mitleidigen Blick des Paketboten. Danach beteure ich dem Nestzwerg, dass ich wirklich nichts gehört habe und dass er nächstes Mal doch bitte lauter rufen solle.

Ich stelle fest, es ist kein Paketbote. Variante A: Der Nestzwerg hält sich in meiner unmittelbaren Nähe auf. Ich unternehme nichts und warte ab, was passiert. Nach 2 Minuten weise ich noch mal darauf hin, dass vermutlich jemand vor der Haustür wartet. Variante B: Ich vernehme „Ich mach auf…“ aus weiter Ferne. Ich unternehme nichts und entschuldige mich derweil schon mal prophylaktisch bei all denjenigen, die hier mitlesen und vielleicht mal irgendwann ratlos vor unserer Haustür stehen: Licht brennt, es sind Geräusche zu vernehmen, womöglich meint man sogar ein „Ich mach auf“ vernommen zu haben und trotzdem passiert nichts. Bitte nicht verzagen. Einfach noch mal probieren oder am besten gleich mit einem gelben DHL-Auto vorfahren. Die Chancen auf eine schnelle Türöffnung steigen sprunghaft.

2 Gedanken zu „Ich mach auf…

  1. Annika sagt:

    Liebe Martina,
    vielen Dank für diese wunderschöne und unterhaltsame kleine Nachtlektüre 🙂 Herrlich amüsant und bildlich kann ich mir Deinen Nestzwerg richtig gut vorstellen…. apropos bildlich…. Deine Illustration: einfach wunderbar!
    Eine gute Nacht sendet Dir
    Annika

    • martha sagt:

      Liebe Annika,
      ich danke Dir. Ich freue mich ja auch immer sehr, wenn mir Bloglovin signalisiert, dass Du einen neuen Beitrag online gestellt hast. Da berausche ich mich dann an den wunderschönen Werken und dem tollen Papier. Und auch Deine Fotokompositionen sind sooo schön. Viele liebe Grüße, Martina

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